Minimal

Minimal1

Tanikawa Shuntaro, „minimal“, 30 Gedichte. Deutsch und Japanisch. Übersetzt aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein. Secession Verlag für Literatur, Zürich 2015

In einer Zeit, in der das Streben nach MEHR in allen Lebensbereichen normal geworden ist, kommt es einer Wohltat gleich, diesen Gedichtband in die Hand zu nehmen. Die Konzentration auf das Wesentliche in der Form, dem Minimum an Text, steht einem Maximum an Buchkunst gegenüber. Wie ein Leporello kann man den Band aufklappen und geradezu ehrfürchtig entdeckt man die Schönheit dieses Buches. Ein Kranich – er steht in Japan für Langlebigkeit – macht sich auf den Weg, hebt ab und verschwindet am Ende des Buches, das in drei Teile in drei Blöcken unterteilt ist. Die 30 Gedichte sind jeweils zweisprachig abgedruckt – Japanisch in hellblau und Deutsch in schwarz. Jedes Gedicht besteht aus Dreizeilern, die Anzahl der Verse variiert. Ein Minimum an Sprache setzt eine Vielzahl an Assoziationen frei, bringt Überlegungen in Gang und macht gleichzeitig ruhig und fokussiert. Es wird Alltägliches beschrieben und doch weiß man, es geht um alles. Weniger ist hier mehr.

SITZEN

Ich sitze auf dem Sofa
an diesem leicht bewölkten Nachmittag
gleich einer Muschel ohne Schale

ich hätte zu tun
aber tue nichts
geistesabwesend

schöne Dinge sind schön
auch das Hässliche hat irgendwo
etwas Schönes

einfach nur da sein
wie toll!
ich höre auf Ich zu sein

stehe auf
trinke Wasser
auch Wasser wie toll!

 

Tanikawa Shuntaro - Minimal

Der Appell des Dalai Lama an die Welt

Franz Alt, der bekannte Journalist und Autor, traf den Dalai Lama bereits einige Male. Anlässlich des 80. Geburtstags des Dalai Lama am 6. Juli 2015, trafen sich die beiden nun erneut zu einem Interview. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignissen, den Flüchtlingsströmen, Kriegen und Umweltkatastrophen, könnte das Thema, um das es geht, nicht passender gewählt sein.
„Ethik ist wichtiger als Religion“. Eine Aussage, die vielleicht bei vielen Menschen und in vielen Kreisen spontanen Widerspruch hervorrufen wird. Denkt man aber mal eingehender darüber nach, was genau hinter diesem Gedanken steht, erkennt man den Ansatz, der noch über allen Religionen steht und der doch in allem enthalten ist. Es ist ganz einfach die Menschlichkeit, der Humanismus, der allem Denken und vor allem Handeln zugrunde liegen sollte. Franz Alt sagt dazu:“ Diese säkulare Ethik des Dalai Lama sprengt nationale, religiöse und kulturelle Grenzen und skizziert Werte, die allen Menschen angeboren und allgemein verbindlich sind. Das sind nicht äußere, materielle Werte, sondern innere Werte wie Achtsamkeit, Mitgefühl, Geistesschulung sowie das Streben nach Glück.“
Mich haben die Aussagen des Dalai Lama in diesem kleinen Text sehr beeindruckt. Einerseits, weil es für mich ein neuer Ansatz ist und andererseits, weil es so klar und einfach erscheint! In der Theorie wohlgemerkt, denn die Umsetzung scheint seit Jahrtausenden nicht zu gelingen. In jedem Gegenüber den Menschen zu sehen, nicht seine Hautfarbe, nicht seine Religion oder seine Kleidung. Keine neuen Grenzen aufbauen, nicht trennen, sondern Gemeinsamkeiten erkennen.
Es lohnt sich wirklich, diesen Text zu lesen!

Es gibt ihn als Buch oder sogar kostenlos als Ebook, herunterzuladen auf der Seite des Benevento Verlages

Der Appell des Dalai Lama an die Welt

Dalai Lama – Ethik ist wichtiger als Religion

Sungs Laden

Ein Buch, wie geschrieben für diese Zeiten.
Eine vietnamesische Familie – einst Vertragsarbeiter der DDR – lebt in Berlin. Sung hat gerade sein Studium der Archäologie begonnen, da stirbt sein Vater. Er übernimmt den Laden seiner Eltern. Sein Sohn besucht die Grundschule und soll etwas typisch vietnamesisches zur „Weltoffenen Woche“ mitbringen. Er fragt seine Großmutter und sie holt die alte Wasserpuppe aus dem Schrank, die noch in Vietnam geschnitzt wurde,  und spielt mit ihrem Enkel in der Schulaula etwas damit vor. Die Zuschauer sind bezaubert – das ganze Viertel beginnt sich von da an zu verändern. Plötzlich tragen die Menschen Kegelhüte und Affenbrücken werden gespannt. Ein Standesbeamter entdeckt seine alte Liebe für die vietnamesische Schrift wieder und eine Aufführung des Wasserpuppen-Theaters wird zu einem großen Fest. Gelebte Völkerverständigung, weil die Menschen sich füreinander interessieren und miteinander sprechen und leben.
Ein Buch, wie geschrieben für diese Zeiten.

Das Leben der Familie Sung in Berlin

Karin Kalisa – Sungs Laden

Der Allesforscher

Der Allesforscher von Heinrich Steinfest brilliert im Alltag

Huch – Der Titel schreckt erstmal ab. Ist es ein Werk für Techniker? Oder so eine Biographie wie die ‚Vermessung der Welt‘ von Daniel Kehlmann (auch sehr lesenswert!)?
Nein! Ganz und gar nicht!
Was Heinrich Steinfest alles in die 398 Seiten packt, ist für mich erstklassige Lektüre.
Das Buch hat mich von der ersten Seite an gefesselt und nicht mehr losgelassen, weil es verschiedene Genre anpackt.
Vom Liebesroman über Familientragödie und Beziehungsproblemen zum Krimi.
In einer schönen, fesselnden Sprache geschrieben taucht man ein in eine Welt, die sogar Phantastisches zu bieten hat. Dabei wird es nie übernatürlich oder unglaubwürdig.
Lest selbst, wie es Sixten Braun ergeht und welche geschickten Wendungen das Leben bereit hält!
p.s.: Dann erfahrt ihr auch, was es mit dem Titel auf sich hat. 😉

Der Allesforscher

Charlotte

Dieses Buch hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen.

David Foenkinoes wählt eine besondere Form für seinen Roman.

Er schreibt in jede Zeile genau einen Satz!

Die ohnehin intensive Atmosphäre wird dadurch noch weiter verstärkt.

Und doch entsteht eine gewisse Leichtigkeit, die einen durch den Text begleitet.

„Das ist mein ganzes Leben“ – mit diesen Worten übergibt Charlotte einem Vertrauten 1942 einen Koffer voller Bilder.
1943 wird Charlotte Salomon – im fünften Monat schwanger – in Auschwitz vergast.

Gefühlsmäßig habe ich dieses Buch nicht gelesen – ich habe es gelebt. So nah dran fühlte ich mich an den Personen und den Geschehnissen. Dem Autor gelingt es in feinster Weise durch Form und Sprache, Stimmungen zu erzeugen und Bilder zu malen. Oftmals ist die Stimmung sehr bedrückend. Viele Familienmitglieder der Salomons haben Selbstmord begangen, darunter auch Charlottes Schwester und ihre Mutter. Stets kann man die Angst mit Händen greifen, die alle haben, weil niemand weiß wer noch diesen Weg wählen wird. Charlotte wird 1917 in Berlin geboren. Sie wächst in einem bürgerlichen Umfeld auf und Musik, Kunst und Literatur sind Thema . Nach dem Tod ihrer Mutter heiratet der Vater die bekannte Sängerin Paula Lindberg. Charlotte beginnt zu malen und wird 1936 an der Kunsthochschule angenommen, obwohl dies für Juden eigentlich schon nicht mehr möglich war. Es kommt zu Schikanen und sie verlässt die Hochschule bereit 1937 wieder. 1939 emigriert sie nach Frankreich und lebt bei ihren Großeltern. Die Großmutter nimmt sich 1940 das Leben. Um die Ereignisse zu verarbeiten, beginnt sie auf Anraten eines Arztes wieder zu malen. In dieser Zeit entstehen die Bilder, die sie später als „ihr ganzes Leben“ bezeichnen wird. Sie wird 1943 in Auschwitz ermordet.

unbenannt-344